MZ-Naumburger Tagblatt 12.02.2013
Christus auf dem Neuen Deutschland

VON HANS-DIETER SPECK
NAUMBURG/FREYBURG.
Begleitend zur mit 120 Werken umfassenden Retrospektive des Freyburger Malers Walter Weiße, die gegenwärtig in der Galerie im Schlösschen am Markt gezeigt wird (Tageblatt / MZ berichtete), hatte der Verein Kunst in Naumburg zu einem Galerienachmittag eingeladen. Die Veranstaltung war vielschichtig angelegt. So betrachtete Freyburgs Altbürgermeister Martin Bertling besonders Weißes Verdienste um seine Heimatstadt und die Saale-Unstrut-Region. Er habe durch seine künstlerischen Sichten Stadt und Region weithin bekannt gemacht.
Bertling, der einst selbst Schüler des promovierten Kunsterziehers Weiße war, würdigte nicht nur dessen Arbeit als Lehrer, sondern auch die als Denkmalpfleger. In 26-jähriger ehrenamtlicher Tätigkeit hatte Weiße die Denkmale im damaligen Kreis Nebra akribisch erfasst und ihre Bedeutung in den Focus der Öffentlichkeit gerückt.
Anekdote aus der DDR-Zeit
Eine von Bertling erzählte Anekdote warf Schlaglichter auf den parteiorientierten Kunstbetrieb in der DDR der 1970er Jahre. So hatte der Verband der Bildenden Künstler in der DDR eine Mitgliedschaft Weißes abgelehnt. Begründet wurde das mit
drei Arbeiten des Malers, die der Verband als "nicht den Anforderungen an einen Künstler entsprechend" einstufte. Als der Maler bald darauf in einer nicht offiziellen Galerie in Ostberlin ausstellte, erwarb die Nationalgalerie der DDR ausgerechnet diese drei Aquarelle. Auch über Kunst zu reden, war damals eine Gratwanderung. Heute kann man darüber lachen, zumal, wenn ein Rhetoriker, wie der agile 90-jährige Weiße erzählt. Den damals schon bekannten Künstler hatten Jenaer Studenten um den Bürgerrechtler Jürgen Fuchs zu einem Vortrag in die Universitätsstadt eingeladen. Diskutiert werden sollte das Thema Kunst und Form, was ein heißes Eisen in der offiziellen ideologisch-doktrinären Kunstauffassung der DDR war. So suchte man nach einem unverfänglichen Einladungstitel. Der lautete dann, so Weiße, "Warum malte Rubens dicke Frauen?" Gesprochen wurde aber - wie vorgesehen - über die Kunst der Moderne.
Wolfgang Lührs interpretierte
Walter Weiße, der auch diesmal wieder auf viele Fragen zum Schaffensprozess einging, verschließt sich indes einem Bereich: er erklärt seine Werke nicht. Gern verweist der Künstler da auf Anselm Feuerbach (1829-1880)
und dessen Wort von dem Stuhl, auf den man sich vor ein Kunstwerk setzen soll, um es in Ruhe und Sammlung zu betrachten. Der Naumburger Kunstfreund und -sammler Wolfgang Lührs hat das wohl so auch verstanden. In Gegenwart des Künstlers interpretierte er aus seiner Sicht fünf in der Schau hängende Werke unterschiedlicher Schaffensphasen. Darunter das Triptychon von 1980, das, so Lührs, "an die Tradition der Historienmalerei anknüpft". Es verbinde fast 2000 Jahre Menschheits- und Sozialgeschichte, "indem es den Bogen vom antiken römischen Reich mit der Passionsgeschichte Jesu und dem Beginn der Verfolgungsgeschichte der - unabhängigen - Christenheit zur Endphase des entwickelten Sozialismus unmittelbar vor dem X. Parteitag der SED spannt."
Konzert musste ausfallen
Ein weiterer Teil in der Weiße-Rezeption durch den Kunstverein konnte aus technischen Gründen nicht realisiert werden. Die Naumburger Konzertpianistin Irena Krümling hatte sich gleichfalls mit den fünf Werken des Künstlers beschäftigt und dazu passend moderne Musikstücke ausgewählt.

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Vortrag
Die friedlichen Absichten des Leidens
12.02.13 HALLE (SAALE)/MZ. Aus der Betrachtung von Wolfgang Lührs zum mittleren Bildteil Ecce homo aus dem 1980 entstandenen Triptychon (Übermalu ng, Tusche, Aquarell) von Walter Weiße: "Die friedlichen Absichten des Leidens verrät uns Weiße mit seherischen Fähigkeiten im Mittelfeld des Triptychons mit der Kreuzigung (Foto): Wir sind das Volk und werden die Passion mit einer friedlichen Revolution beenden. Die friedlichen Absichten des leidensfähigen Volkes spiegeln sich in den Friedenstauben wider, der krähenartige Vogel oben auf dem Kreuz könnte für diese Botschaft stehen! Mag nicht das eine Golgatha vom nächsten abgelöst werden, so scheint er uns mit etwas Pessimismus als kluger Vogel zurufen zu wollen!"

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