zurück

Naumburg 10.02.2013

Ansprache des Altbürgermeisters von Freyburg (Unstrut), Martin Bertling, im Naumburger Kunstverein anlässlich des 90. Geburtstages von Dr. Walter Weiße und einer Ausstellung seiner Werke im "Schlösschen am Markt" in Naumburg am 10. Februar 2013

Lieber Herr Dr. Weiße,
liebe Frau Weiße,
verehrte Freunde des Naumburger Kunstvereins,
sehr geehrte Gäste der Ausstellung hier im Schlösschen
anlässlich des 90. Geburtstages unseres Freyburger Bürgers und Ehrenbürgers
Dr. Walter Weiße,

wir dürfen gemeinsam den 90. Geburtstag von Herrn Dr. Walter Weiße hier im Schlösschen am Markt in Naumburg nachfeiern.
Herr Dr. Weiße hat fast sein ganzes Leben in unserer kleinen Stadt verbracht, im Winzer-städtchen an der Unstrut unter der Neuenburg. Herr Dr. Weiße kann auf ein Lebenswerk zurückblicken, dass weit über die Grenzen der Stadt Freyburg (Unstrut) und über die Grenzen unseres Landes hinauswirkt.

Wenn ich heute, als Bürgermeister a. D. der Stadt Freyburg (Unstrut), am 90. Geburtstag eine würdigende Rede halte, darf ich das als einer der vielen Schüler tun, die durch seinen Kunsterziehungsunterricht gegangen sind. Und das darf ich auch mit seiner Zustimmung für einen väterlichen Freund tun. Herr Dr. Weiße verdient aber vor allem allergrößte fachliche und menschliche Hochachtung durch sein Wirken über die Ländergrenzen hinweg. Erinnert sei hier an seinen Vortrag an der Karls-Universität in Prag 1966 wo er auf der Weltkonferenz der INSEA (Internationale Society for Education through Art), die vn der UNESCO getragen wurde, Ergebnisse seiner international beach-teten, im heimatlichen Raum gegründeten, kunstpädagogischen Forschungen mit großem Erfolg vortragen konnte.
Enttäuschend war für ihn, dass die DDR-Behörden aus Uneinsichtigkeit und geistiger Enge eine geplante Publikation dieser Er-kenntnisse in einem Hamburger Verlag verhinderten. Ein bestimmter Teil seines heimatverbundenen Lebenswerkes war damit abgebrochen.
Dass Dr. Weiße nach Studium und Promotion nicht die akademische Laufbahn einschlug, sondern als Lehrer in die künstlerische Provinz ging - zurück in seine Geburtsstadt Freyburg - hatte auch politische Gründe, verdient ab er größte Hochachtung.

Er fand die Atmosphäre von Indoktrination und Gesinnungsschnüffelei an der Universität unerträglich. Dr. Weißes künst-lerische Lehrer an der Universität in Leipzig waren die Professoren Elisabeth Voigt und Hans Schulze. Die Herkunft und Bindung durch seine Lehrer an die heute so bezeichnete "Klassische Moderne" hat trotz Wandlungen der künstlerischen Handschrift seine Kunst bis heute geprägt und sie prägt sie noch. Denn der heute 90-jährige ist noch hoch produktiv und in seiner zum Teil internationalen Ausstellungs-tätigkeit höchst aktiv. Allein im Jahr 2002 hat er vier eigene Ausstellungen gestaltet, davon eine in der Schweiz. Herr Dr. Weiße hat in der vor einigen Jahren einge-
richteten Weingalerie im Schweigenberg, in Freyburg (Unstrut) mehrere Ausstellungen seiner Werke durchgeführt. Er half der jungen Kunsthistorikerin und Galeristin Gudrun Bertling-Lützkendorf zu einem erfolgreichen Galeriebetrieb.

Am Beginn der Laufbahn Walter Weißes als Maler stand die Landschaft. Immer war es die Landschaft im Süden Sachsen-Anhalts, zwischen Schulpforta, Naumburg und Freyburg: Unsere Saale-Unstrut-Region mit ihren Flusstälern und Weinbergen. Seine Landschaftsbilder sind nicht nur schöne Abbildungen, sondern seine Landschafts-bilder sind vielmehr anspruchsvolle Formulie-rungen im Sinne eines "inneren Schauens" von hoher Qualität. Es sind künstlerisch gültige, eigenwillige Interpreta-tionen der Landschaft. Mir ging besonders seine Ausstellung über das künstlerische Schaffen nach dem Krieg mit dem Titel "Ich war Goghist" nahe. Walter Weiße erzählte mir über sein damaliges Leben: "Wir mussten einfach nach den schlimmen und brutalen Kriegserfahrungen an der Ostfront unseren Geist wieder frei kriegen." Die sowjetische Kriegsgefangen-schaft musste er im Geist auch mit nach Hause nehmen.

So war die Kunst von van Gogh eine Möglichkeit der geistigen Kompensation. End-lich Frieden, endlich mit Leib und Seele wieder Mensch sein dürfen.
In Anbetracht der kulturpolitischen Situation bis in die 70-iger und 80-iger Jahre in der DDR liegt es auf der Hand, dass Walter Weiße bei der Konsequenz seiner künstlerischen und mensch-lichen Haltung nur sehr schwer öffentliche Anerkennung und Bestätigung seiner Kunst erfahren konnte.
Trotz Bürgschaft durch den bekannten Berliner Maler Dieter Goltzsche im Jahr 1976 lehnte der Verband Bildender Künstler der DDR (in Halle) eine Anerkennung Walter Weißes mit der undurchschaubaren Begründung ab, dass seine Arbeiten nicht die Qualität hätten, die dem Maßstab des Verbandes Bildender Künstler der DDR entsprechen.
Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann Eichhorn nahm u. a. auf dem Symposium zu Kunst und Politik der DDR des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg am 21. und 22.06.2001 zu diesem Vorgang Stellung. Er führte aus, dass die Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler von Dr. Weiße, einem feinsinnigen und qualitätsvollen Künstler aus Freyburg (Unstrut), der nur nicht in den groben und einseitigen Kunstraster der Partei passte, aus eben diesem Grund verbannt wurde.
Dr. Walter Weiße war damals 53 Jahre alt und diese Ablehnung traf ihn schwer, war sie doch auch verbunden mit materiellen Zwängen, z. B. die Verweigerung der Genehmigung eines Atelier- bzw. Arbeitsraumes, Einschränkungen beim Erwerb von künstlerischen Arbeitsuten-silien und vor allem: Ausschluss von allen professionellen Kunstausstellungen.

Durch diesen Vorgang in Halle empört, organisierten Berliner Freunde Walter Weißes eine Ausstellung seiner Bilder in Ostberlin und zwar in der EP Galerie von Jürgen Schweinebraden in der Dunkerstraße 17. Über diese inoffizielle Galerie und über Begründer und Betreiber Jürgen Schweinebraden Freiherr von Wichmann Eichhorn, die allein 125 hauptamt-lichen Mitarbeitern und 70 IM der Stasi unter der Bezeichnung Objekt "Eiche" von 1974 bis 1980 observiert wurden, gibt es eine umfangreiche Nachwende-Literatur.
Unter dem Titel "Unstrutlandschaften" stellte Walter Weiße in der nun mehr legendären EP-Galerie am Prenzlauer Berg über 60 Arbeiten aus. Im Zusammenhang mit dieser Ausstellung gab es auch Ankäufe. U. a. erwarb die Nationalgalerie (Ost) drei Aquarelle. Es waren kurioserweise dieselben mit denen der Ver-band Bildender Künstler der DDR Dr. Weißes Ablehnung begründet hatte. So absurd konnte die DDR sein. Der Briefwechsel zwischen Weiße und Schweinebraden vom März 1978 (das war die Ausstellungsvorbereitung in der geheimen EP-Galerie) und November 1980 Ausreise des Galeristen Jürgen Schweinebra-den aus der DDR befindet sich noch heute vollständig im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg. Durch die Vermittlung und Bürgschaft des bekannten Professors Herbert Sandberg, der Walter Weißes Ausstellung in der EP-Galerie in Berlin gesehen hatte, wurde Walter Weiße 1980 dann doch in den Ver-band Bildender Künstler der DDR aufge-nommen und damit anerkannt. Bald darauf war er 1982/83 auf der neunten Kunstausstellung der DDR in Dresden vertreten. Bezeichnender Weise trug seine dort ausgestellte Arbeit den Titel "Freyburg - meine Stadt".
Die weitere und auch internationale Aner-kennung Walter Weißes als bildender Künst-

ler fand schon wenige Jahre vor und in der Hauptsache nach der Wende statt. So hat er 1981 in der bekannten Galerie - Mitte in Berlin eine eigene Ausstellung durchgeführt. Inzwischen ist es zu vier Personalausstellungen in Berlin gekommen. 1984 war er in Bradffort, in Großbritannien auf der Eight British International Print Biennale vertreten. Gemeinsam mit dem weltberühmten Engländer Henry Moore und dem Amerikaner Roy Lichtenstein führte er weitere Ausstellungen in Kairo und Tokio durch.

Dr. Rüdiger Wiese, Direktor der Kunsthalle und des Stadtmuseums Weimar schreibt in seinem Artikel "Lebende Legende" im Ausstellungskatalog Walter Weißes "Tote Krähe vor roter Mauer" im Jahr 2002 von der unverwechselbaren Sprache der Bilder Walter Weißes und bemerkt "Darauf baut letztlich seine Bedeutung für die Gegenwartskunst". Zum Abschluss dieses kleinen Überblickes über das vielfältige und ausstrahlende Wirken Walter Weißes in und für die Stadt Freyburg (Unstrut) sei noch auf seinen bedeutenden künstlerischen Beitrag zur Person und zur Philosophie Friedrich Nietzsches und zum literarischen Werk des Dichters Ortlepps hingewiesen. Eine kleine Weltprämiere stellte die Ausstellung "Traum und Rausch", kleine Blätter zu Friedrich Nietzsche und Ernst Ortlepp dar, die Walter Weiße 2002 im Literaturmuseum "Theodor Storm" in Heiligen-stadt und im Schlossmuseum Elisabethenburg in Meiningen veranstaltete. Es handelt sich hier um ein gelungenes Zusammenspiel von Dichtung, Philosophie und bildender Kunst zu dem auch der bekannte Nitzsche-Forscher Prof. Dr. H. J. Schmidt von der Universität Dortmund einen Beitrag leistete. Höhepunkt seines Nietzsche-Beitrages als Künstler war

zweifellos die Einladung zur internationalen Ausstellung im Berliner Museum "Haus am Waldsee". die 2000 / 2001 unter dem Titel "Artistenmetaphysik" lief, Friedrich Nietzsche in der Kunst und der Nachmoderne. Hier war Walter Weiße mit 18 Arbeiten vertreten. Neben so weltberühmten Künstlern wie Joseph Beuys, Pierre Klossowski und Jean – Jacques Lebel aus Paris u. a. waren dort vertreten. Curt Becker, damals Oberbürger-meister von Naumburg und heutiger Justiz-minister a.D. des Landes Sachsen-Anhalt, ein langjähriger Freund und Sammler der Bilder Walter Weißes schrieb im Vorwort zum Katalog seiner Ausstellung im Nietzsche-Haus in Naumburg 1996: "In Walter Weißes Arbeiten spürt man dessen unverstellte Liebe zu seiner Heimat, und zur Saale-Unstrut-Region mit ihrer facettenreichen Geschichte, ihrem enormen Kunsterbe und ihrem stets inspirierenden landschaftlichen Reizen". Der weit über Deutschland hinaus bekannte Maler, Bühnenbildner und Theaterregisseur Achim Freyer, ein Freund Walter Weißes, sagte in seiner Berliner Rede von 1998, die im Dresdner Katalog des Leonhardi-Museums veröffentlicht wurde: Der weit über Deutschland hinaus bekannte Maler, Bühnenbildner und Theaterregisseur Achim Freyer, ein Freund Walter Weißes, sagte in seiner Berliner Rede von 1998, die im Dresdner Katalog des Leonhardi-Museums veröffentlicht wurde:
Zusammenfassend möchte ich feststellen: "Unser Freyburger Mitbürger und Ehren-bürger, Träger des Bundesverdienstkreuzes Herr Dr. Walter Weiße hat durch sein künstlerisches Lebenswerk unserer Stadt und unserer Region, die sich bekanntermaßen durch landschaftliche Schönheit, den Weinbau, die Sektherstellung sowie durch eine bedeutende Historie auszeichnet, eine neue einmalige Facette hinzu-

gefügt, nämlich die seiner ganz persönlichen Sicht auf sie als Künstler. Dass er es verstand diese Sicht weit über die Grenzen unserer Region auch für ein aufmerksames Publikum zu schaffen, empfinden wir als Freyburger Bürger und Menschen in dieser schönen Landschaft als eine wesentliche Bereicherung unserer lokalen Identität, wie auch die Erhöhung der Attraktivität unserer Stadt." Zum Schluss möchte ich bemerken, dass Herr Dr. Weiße nicht nur bekannt wurde durch sein künstlerisches Schaffen, sondern dass er besonders im Bereich der Denkmalpflege in unserer Stadt und dem damaligen Kreis Nebra arbeitete. Das war ein Zeitraum von mehr als 26 Jahren ehrenamtlicher Tätigkeit. Er fotographierte, katalogisierte und zeichnete die heimatlichen Kulturdenkmale. Er veröffentlichte Artikel dazu immer unter dem Gesichtspunkt seiner Heimat zu dienen und ihre Werte der Nachwelt zu erhalten. Er war sich der kulturhistorischen Bedeutung unserer Region bewusst. Für seine, auch in diesem Gebiet trotz widriger Umstände, erreichten Erfolge, die er in enger Zusammenarbeit mit dem ehemaligen Museumsleiter der Neuenburg, Herrn Hellmut Drescher, der von 1902 bis 1992 lebte, erreichte, wurde er neben Herrn Drescher gemeinsam mit dem ehem. Bundesaußenminister Dr. Hans-Dietrich Genscher 1993 für seine Verdienste zum Ehrenmitglied des Vereins zur Rettung und Erhaltung der Neuenburg e.V. ernannt. Bei seinem ersten Besuch der Neuenburg 1991 schaute Hans-Dietrich Genscher ganz versunken ins Tal und sagte: „Ja, ja die kleinen Schulausflüge von Halle gingen zum Petersberg und die großen zur Neuenburg.“ Ich wurde damals als Bürgermeister von Freyburg (Unstrut) ebenfalls zum Ehrenmitglied ernannt.

Hier möchte ich den Kreis schließen, in dem wir besonders als Schüler über diesen Bereich seines Schaffens viel erfuhren. Er lehrte uns das Sehen für schöne Details an den Bauwerken unserer Stadt. Und wir konnten erfahren mit welcher Sorgfalt, Mühe und künstlerischen Schaffens die Steinmetze des Hochmittelalters unsere Stadt mit ihren schönen Details bereicherten. Das Gestein unserer Region in Kunst zu verwandeln sehen wir von Schulpforta bis Freyburg (Unstrut). Der Naumburger Dom mit seinen Stifterfiguren im Westchor des Domes spricht seine eigene künstlerische Sprache.
So vereinen sich bei uns ehemaligen Schülern das Empfinden für Kunst und Achtung vor dem Kunsthandwerk vergangener Zeiten. Die Freyburger Kirche, die zu Lebzeiten der Heiligen Elisabeth von Thüringen errichtet wurde, ist ein kunsthistorisches Bauwerk des Hochmittelalters. Wir befinden uns im Antragsverfahren zur Aufnahme in die Weltkulturerbeliste der UNESCO und solche Menschen, wie Walter Weiße, waren dazu inspirierte Vorreiter zur Erfassung unserer historischen Baukultur.
Lieber Herr Dr. Weiße,
ich wünsche Ihnen und Ihrer Frau noch viele Jahre bester Gesundheit und weiteren künstlerischen Schaffens. Möge Ihnen dieses Kleinod an Landschaft, des Saale- Unstrut-Gebietes mit der Stadt Freyburg weiterhin eine innere Bereicherung und immer wieder die innere Freude und der innere Antrieb für Ihr künstlerisches Schaffen sein. Und Ihnen, lieber Herr Prof. Kloeppel, gemeinsam mit dem Naumburger Kunstverein danke ich für die Wertschätzung, die Sie Herrn Dr. Walter Weiße entgegenbringen.

Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.

zurück