Naumburger Tagblatt 20.09.2012Herbstgrüße: eine gelungene Mixtur
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NAUMBURG - Eine gelungene Mischung aus Lesung und Musik, die konnten die Zuhörer jetzt im Verein Kunst in Naumburg genießen. Zum Thema "Zwischen allem und nichts, literarische Herbstgrüße aus Berlin" haben Brigitte Fretwurst und Fritz Kleinhempel aus ihren neuen Erzählungen, Gedichten und Satiren gelesen. Die Pianistin Irina Krümmling erweiterte die literarischen Herbstgrüße aus Berlin um musikalische Herbstgrüße aus Naumburg. Das Wort und der Ton gingen stimmig ineinander über. Irina Krümmling hatte mit viel Feingefühl für Nuancen ihr Programm zusammengestellt. Stimmungen wurden markiert. Bei Peter Tschaikowskys Zyklus "Jahreszeiten" ließ sie den "Oktober" mit einer einzigen prononcierten Note am Ende geradezu ersterben, in Melancholie. Sprünge, Triller und oft die linke Hand als Melodiegeber, alles versprühte im nachfol-genden "November" dann pure Lebenslust. Gewollte Diskrepanz Kleinhempel las mit "Endstation Akazienweg" eine Erzählung, die sich mit dem Wahn , die Wohnlandschaft autogerecht zu machen, auseinandersetzte. Wo bleibt der Mensch? Diese Frage war, aus den unterschiedlichsten Blickwinkeln heraus beleuchtet, eine zentrale |
Frage. An dieser Stelle des Programms konnte die gewollte Diskrepanz zwischen der beschaulichen, stilecht auf dem Cembalo gespielten Musik von Francois Couperin (1668 - 1733 ) zur "Weinlese" und der sich bizarr entwickelnden Satire gar nicht größer sein. Viele Gedankenblitze, gerade auch aus den Gedichten von Brigitte Fretwurst, malten manchmal humorige, manchmal melancholische Lebensweisheiten. "Ein Gedicht ist mit dem Unendlichen verwoben", so Brigitte Fretwurst. Die Frage nach der Würde des Menschen war in der gesamten Lesung präsent. Im Ausschnitt aus dem noch unveröffentlichten Roman "Gefesselt" von Brigitte Fretwurst über eine 1811 historisch belegte Zwillingsgeburt in Siam, eben den miteinander verwachsenen "Siamesi-schen Zwillingen", wurde diese Frage auch angesprochen. Frau Fretwurst, die bereits 13 Bücher veröffentlicht hat, ist Rehabilitationspädagogin und arbeitet im Einzelunterricht mit schwerst-behinderten Kindern und Erwachsenen. Kleinhempel gründete 2006 den Leonhard-Thurneysser-Verlag Berlin & Basel. Sein Geburtsjahr ist 1940. Es ist leicht festzustellen: Ruhestand wäre möglich, aber für Kleinhempel |
offensichtlich kein erstrebenswertes Ziel. Der Büchertisch im Kunstverein war brechend voll mit zum Teil Bänden in der dritten Nachauflage. Mit Wiener Schmäh gespielt In der Lesung und im Gespräch wurde deutlich: Arbeit, die sich und anderen Freude bringt, scheint ein Jungbrunnen zu sein. Dieser These entsprechend wählte Irina Krümmling ihre Zugabe am Flügel. Mit dem Walzer von Johann Strauß "Mein Schatz", technisch perfekt, mit Verve und Wiener Schmäh perlend gespielt, verabschiedete sie sich vom reichlich applaudierenden Publikum. Am Ende der Lesung stand ein Rätsel: 1739 in Naumburg geboren, 1791 gestorben und zwischenzeitlich ein erfolgreicher Geschichts-fälscher, wer war das? Niemand wusste es bis dato. Dank Fritz Kleinhempel wissen wir jetzt: Raue hieß der Bruder Leichtfuß, dessen "Geschichten" uns bis heute das Kirschfest feiern lassen. Es kommt sicher nicht oft vor, dass eine Lüge eine Stadt so positiv prägt, und wir wissen jetzt auch, wer sie gestreut hat. Kleinhempel sei Dank. |