Naumburger Tagblatt 05.05.2012Gespräch und Konzert als guter Neubeginn Ein Werkstatt-Treffen lässt optimistisch in die Zukunft blicken. Restauriertes Harmonium vorgestellt. VON STEPHANIE LOTZE |
| NAUMBURG - Dem Verein Kunst in Naumburg ist ein neuer Anfang gelungen. Nach dem plötzlichen Tod des Vereins-gründers Marek Bobeth war gefährliche Vakanz entstanden, die zu existenziellen Fragen führte. Nachdem sich die Mitglieder zu ihrem Verein als ein Stück identitätsstiftende Heimat bekannt hatten, mussten nun neue Konzepte erstellt werden. Vor allem ist eine weitere überzeugende Arbeit in Form von Veranstaltungen nötig. "Das Schiff muss Fahrt behalten", sagte Justizminister a.D. und Vereinsmitglied Curt Becker. In seiner Begrüßung unterstrich er die Einmaligkeit eines Kunstvereins in der Geschichte der. Stadt Naumburg. Die Teilnahme am "Werkstatt-gespräch", das Friedrich Kloeppel vorbereitet hatte, war überwältigend und machte künstlerisch und konzeptionell einem Kunstverein alle Ehre. Im Mittelpunkt stand ein auf Initiative von Bobeth restauriertes Harmonium - ein nach 1910 hergestelltes "Mannborg- Normal-Harmonium". | Die Zuhörer konnten sich davon überzeugen, dass es klingt. Dafür war Reinhard Ohse, Naumburger Domkantor i.R.., prädestiniert. Warum es klingt und wer es herstellte, das erfuhren die Teilnehmer von Jan Werner, Orgelbauer und auch Restaurator dieses Instruments. Der Herstellungsprozess war damals bereits global geprägt. Es war ein Schwede, Carl Theodor Mannborg (1861-1930), der in Borna die Harmoniums-Produktion begann. Die tonerzeugenden, schwingenden Metallzungen mussten aus Amerika importiert werden, jedenfalls so lange, bis der findige Schwede eine ganze Maschine nach Borna verschiffen ließ und nun die Zungen selbst herstellen konnte. Dabei verwies er darauf, dass beim Harmonium im Unterschied zum Klavier keine Dynamisierung in der Veränderung der Lautstärke möglich ist. | Werner begann 2009 mit Arbeit Aber auch solide Dinge müssen mit der Zeit restauriert werden! Schon einmal grobmotorisch geschweißt vom Kreisbetrieb für Landwirt-schaft, war die 2009 beginnende fachkundige und sensible Restaurierung durch Jan Werner ein Glück für dieses Instrument. Die Zuhörer konnten den satten, reinen Klang genießen. Das Harmonium ist als Hausorgel und eben nicht nur ein Begleitinstrument, sondern auch ein passables Soloinstrument. Dies vor allem, wenn ein solcher Organist wie Ohse - und das noch unentgeltlich und nur dem bürgerschaft-lichen Engagement verpflichtet - es mit Luft und Fingerfertigkeit versorgt. Reinhard Ohse gab Klangbeispiele aus verschiedenen musikgeschichtlichen Epochen, so aus dem Barock mit "Ricercare" von Johann Jakob Frohberger. Besonders interessant am dreiteiligen Stück war das Klopfthema. Er spielte romantische Stücke aus dem "Jugendalbum" von Robert Schumann. |
| Dafür führte Ohse andere Besonderheiten des Harmoniums vor: Bei "Erster Verlust" schaltete er ein Zusatzregister, den Vibrator, zu und die Töne fingen an zu schwingen. Mit der Oktavweiche gab es die Möglichkeit, einen Ton anzuschlagen und zwei Töne zu erreichen. Jan Werner stellte dieses Wunderwerk der Technik und der Handwerkskunst aus neuer, ungewohnter Perspektive vor: von innen. Dies geschah mit moderner Power-joint- Präsentation, charmant und mit manchem Augenzwinkern und auch uneigennützig. So spielte die Frage des Luftstroms beim Harmonium eine entscheidende Rolle. Das "Mann borg" hat Saugwindunterdruck. | Ohse spielt Eigenkompositionen Dieses Harmonium hatte aber eine Besitzerin, die es trotz aller Defizite noch zu schätzen wusste. So konnte es vom Kunstverein übernommen und perfekt restauriert werden. All die zuvor beschriebenen Mängel wurden von Jan Werner behoben. Sogar eine fehlende Schnitzerei am Gehäuse ließ er stilecht nacharbeiten vom Bildschnitzer Stephan Türmer aus Dresden. Zum Abschluss spielte Reinhard Ohse fünf Eigenkompositionen. |
Arbeitsweise Angesaugte Luft transportiert den Staub Durch die Fußkraft des Spielers saugt das Harmonium die Luft in das Instrument und damit auch den Staub der Umwelt. Das Endergebnis ist so einfach wie bedrohlich: das Instrument verschmutzt. Das betrifft zuerst den Staubfilter. Wird dieser nicht gereinigt, ist bald das gesamte Instrument betroffen. Das Wirkungsprinzip der Ton-erzeugung durch schwingende Stahlzungen wird außer Kraft gesetzt. Das Instrument ist nicht mehr spielbereit. Das begünstigt den weiteren Verfall. Ganze Register verabschie-den sich. Die Leder, die die Luftklappen öffnen und schließen, verrotten. Dadurch wiederum entstehen "Dauerheuler". Das Instrument verendet. |
